Tarotkarten entstanden im Europa des 15. Jahrhunderts als Spielkarten. Erst mehrere Jahrhunderte später verband man sie mit Wahrsagerei und esoterischen Lehren. Wer Tarot heute zur Deutung oder Selbstreflexion nutzt, verwendet Kartenbilder, deren Bedeutung sich im Lauf der Zeit verändert hat.
Spielkarten aus Norditalien
Die frühesten bekannten Hinweise auf Tarotkarten stammen aus den 1440er- und 1450er-Jahren. Sie führen nach Norditalien, unter anderem in die Umgebung von Mailand, Venedig und Florenz. Damals hießen die Karten trionfi oder tarocchi. Zu den vier Farben Schwerter, Kelche, Münzen und Stäbe kamen zusätzliche Trumpfkarten und der Narr. In diesen Stichspielen, bei denen die Spieler reihum Karten ausspielen, schlug ein Trumpf eine Karte mit niedrigerem Rang.
Adelsfamilien ließen manche frühe Kartensätze kostbar anfertigen. Erhaltene Karten aus dem Umfeld der Mailänder Visconti zeigen Goldgrund, leuchtende Farben und höfische Kleidung. Ein Teil der ursprünglichen Karten fehlt: Das Metropolitan Museum zählt beim Visconti-Tarot 69 erhaltene Karten. Die Karten waren also zum Spielen gedacht und zeigten zugleich den höfischen Rang ihrer Auftraggeber.
Auf den Karten finden sich Motive aus Religion, Moral, Mythologie und Herrschaft. Das Victoria and Albert Museum verweist etwa auf Familienwappen und klassische Figuren. Eine Hypothese lautet, dass die Reihenfolge der Trumpfkarten an allegorische Prozessionen angelehnt ist, in denen Figuren wie Gerechtigkeit oder Teufel auftreten konnten. Diese Deutung bleibt eine Hypothese. Aus den Bildern allein lässt sich nicht ableiten, dass die Karten ursprünglich als Geheimlehre oder Wahrsagewerkzeug gedacht waren.
Regionale Tarotbilder und Farben
Von Anfang an gab es keine einheitliche Folge von Tarotbildern. In Florenz entstand in den 1540er-Jahren das verwandte Spiel Minchiate mit 97 Karten. Es ergänzte vertraute Trumpfmotive um weitere Themen, darunter Tugenden, Elemente und Tierkreiszeichen. Solche Varianten zeigen, dass sich Kartenspiele und Bildfolgen regional weiterentwickelten.
Übertragen Sie auch heute verbreitete Bedeutungen der vier Farben nicht einfach auf die Renaissance. In vielen modernen Deutungen stehen Schwerter für Denken oder Luft, Kelche für Gefühle oder Wasser, Münzen für Materielles oder Erde und Stäbe für Handeln oder Feuer. Das sind gängige heutige Zuordnungen, keine nachweislich unveränderte Bedeutungslehre aus dem 15. Jahrhundert.
Tarot wird zum Deutungswerkzeug
Im späten 18. Jahrhundert verbanden Menschen in Frankreich Tarot zunehmend mit Wahrsagerei. 1781 behauptete der französische Autor Antoine Court de Gébelin, die Karten bewahrten Wissen aus einem altägyptischen Weisheitsbuch. Für diese Herkunft gibt es keine historischen Belege. Die Erzählung prägte dennoch die esoterische Deutung des Tarot nachhaltig.
Jean-Baptiste Alliette, der unter dem Namen Etteilla schrieb, entwickelte Verfahren zum Kartenlegen und gestaltete Karten für diesen Gebrauch. Dabei war Tarot nur eine Möglichkeit: William G. Pooleys Forschung zur französischen Kartenwahrsagerei zeigt, dass Menschen auch gewöhnliche Spielkarten und andere eigens entworfene Karten verwendeten. Kartenlegen konnte auch außerhalb einer festgelegten okkulten Lehre Anlass sein, über persönliche Sorgen und Beziehungen zu sprechen.
Im 19. Jahrhundert verknüpften esoterische Autoren Tarot stärker mit Hermetik, Kabbala, Astrologie und Ritualmagie. Der französische Okkultist Éliphas Lévi trug mit einer 1861 veröffentlichten Arbeit dazu bei, Tarot als Teil eines umfassenderen esoterischen Systems zu beschreiben. Zugleich blieb das alltägliche Kartenlegen vielfältig: Wer eine Deutung suchte, musste dafür keinen Tarotstapel verwenden.
Ein prägendes Deck von 1909
Pamela Colman Smith gestaltete das Deck für den britischen Okkultisten A. E. Waite und entwarf die Karten 1909; als erstes Druckjahr wird auch 1910 genannt. Das als Rider-Waite-Smith-Deck bekannte Spiel umfasst 78 Karten und prägte die moderne Tarotgeschichte.
Besonders prägend waren die Bilder der kleinen Arkana. Diese bestehen aus Zahlenkarten der vier Farben. Smith versah auch sie mit kleinen Szenen, die sich unabhängig von Zahl und Farbe erzählen und deuten ließen. Das Whitney Museum hebt diese Gestaltung als Neuerung hervor. Das Deck verband esoterische und jüdisch-christliche Bildbezüge und beeinflusste zahlreiche spätere Tarotdecks.
Spiel, Deutung und Selbstreflexion
Tarot erfüllt heute verschiedene Funktionen. In Teilen Europas wird es weiterhin als Kartenspiel verwendet. Andere Menschen nutzen die Karten zur Wahrsagerei, für esoterische Deutungen oder als Anstoß für Gespräche und künstlerische Arbeit. Es gibt keine verlässlichen Zahlen dazu, wie verbreitet die einzelnen Nutzungsformen in Europa sind.
Bei der Selbstreflexion kann das Bild einer Karte Gedanken anstoßen. Es kann helfen, eine Frage genauer zu formulieren oder eine Situation aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Eine qualitative Untersuchung der University of Victoria befragte vier regelmäßige Nutzerinnen, die Tarot für diesen Zweck statt zur Zukunftsvorhersage verwendeten. Die Teilnehmerinnen beschrieben unter anderem neue Perspektiven und Unterstützung beim Formulieren von Wünschen. Wegen der kleinen Gruppe belegt die Studie weder eine allgemeine Wirkung noch einen therapeutischen Nutzen.
Wenn Sie Tarot zur Reflexion verwenden, können Sie die gezogene Karte als Anlass nehmen, eigene Gedanken zu prüfen: Welches Detail fällt Ihnen auf, und welche Verbindung sehen Sie zu Ihrer Frage? Eine solche Deutung kann beim Nachdenken helfen, liefert aber keinen Beleg für übernatürliche Vorhersagen. Bei wichtigen gesundheitlichen, rechtlichen oder finanziellen Entscheidungen ersetzt sie keine qualifizierte Beratung.