Wenn Sie Tarot interessant finden, aber nicht an Wahrsagerei glauben, können Sie die Karten als Bildimpulse zur Selbstreflexion nutzen. Eine gezogene Karte sagt Ihre Zukunft nicht verlässlich voraus. Sie kann aber Gedanken und Fragen anstoßen, über die Sie bisher kaum nachgedacht haben.
Dafür brauchen Sie keinen Glauben an übernatürliche Kräfte. Sie deuten die Karte anhand dessen, was Sie im Bild sehen und womit Sie es verbinden. Die Deutung ist keine verborgene Tatsache, die in der Karte steckt.
Tarot begann als Kartenspiel
Die frühesten Belege für Tarot stammen aus dem Italien des 15. Jahrhunderts. Damals gehörten die Karten zu einem Trumpfspiel. Erst im 19. Jahrhundert wurden Tarotkarten stärker mit Wahrsagerei und Okkultismus verbunden, wie das Metropolitan Museum of Art in seiner Darstellung der Kartengeschichte beschreibt.
Ein heute verbreitetes Tarotdeck umfasst 78 Karten: 22 Große und 56 Kleine Arkana. „Arkana“ bezeichnet hier die beiden Kartengruppen. Historische Decks und Deutungstraditionen unterscheiden sich jedoch. Wenn etwa Schwerter mit Gedanken oder Kelche mit Gefühlen verbunden werden, handelt es sich um überlieferte Lesarten und keine messbaren Eigenschaften der Karten.
Sie können Tarot also auch als Bildsprache betrachten. Sie können sich für die Motive und ihre kulturelle Entwicklung interessieren, ohne die Karten als uralte Wissensquelle oder übernatürliche Botschaft zu behandeln.
Karten als Denkimpuls nutzen
Achten Sie bei einer skeptischen Reflexion darauf, was das Bild bei Ihnen auslöst. Sie müssen vorgegebene Bedeutungen nicht für wahr halten. Eine Figur, die allein auf einem Weg steht, kann Sie zum Beispiel an eine eigene Entscheidung erinnern. Sie stellen diese Verbindung aufgrund Ihrer eigenen Gedanken und Erfahrungen her.
Ein schlichtes Vorgehen hält die Deutung offen:
- Formulieren Sie eine Frage zur eigenen Sichtweise, etwa: „Was beschäftigt mich gerade?“
- Ziehen Sie eine Karte und beschreiben Sie zunächst nur, was Sie sehen: Figuren, Farben, Gegenstände oder Handlungen.
- Halten Sie Ihren ersten Einfall fest. Überlegen Sie danach, welche weitere Deutung das Bild zulässt.
- Fragen Sie sich, ob sich daraus ein kleiner Schritt ergibt, den Sie selbst wählen möchten. Die Karte trifft die Entscheidung nicht für Sie.
Sie können die Karte auch einfach als Anlass zum Schreiben oder für ein Gespräch verwenden. Wenn Ihnen nichts dazu einfällt, müssen Sie keine Bedeutung erzwingen.
Was Studien über Tarot zeigen
Eine qualitative Masterarbeit von Gigi Michelle Hofer aus dem Jahr 2009 untersuchte, wie vier regelmäßig Tarot nutzende Frauen die Karten zur Selbstreflexion einsetzten. Die Teilnehmerinnen berichteten, dass sie mit den Karten Situationen und mögliche nächste Schritte betrachteten. Manche fanden die Praxis in schwierigen Phasen tröstlich. Die Interviews beschreiben persönliche Erfahrungen, belegen aber weder eine allgemeine Wirkung noch einen therapeutischen Nutzen.
Studien zu Tarot-Vorhersagen und persönlichen Deutungen zeigen keine besondere Informationsleistung der Karten. In einer Untersuchung von 1983 prüfte Susan Blackmore, ob Menschen ihre eigene Tarotdeutung unter mehreren Deutungen zuverlässig erkennen konnten. Ein erster Versuch hatte methodische Probleme; zwei Wiederholungen mit Personen, die einander nicht kannten, ergaben keine signifikanten Ergebnisse. Die Ergebnisse stützen keinen Anspruch auf verlässliche Vorhersagen, schließen aber nicht jede denkbare Nutzung aus.
Eine Deutung kann sich dennoch persönlich passend anfühlen. Der Psychologe Bertram Forer zeigte 1949, dass Menschen allgemeine Beschreibungen für persönlich zutreffend halten können. Das ist eine mögliche Erklärung dafür, warum vage Aussagen überzeugend wirken. Forers Untersuchung testete jedoch nicht jede Form der Tarotreflexion und beweist nicht, dass jede persönliche Einsicht bloß auf diesem Effekt beruht.
Tarot ersetzt keine Beratung
Eine Karte kann einen Gedanken anstoßen, aber sie stellt keine Diagnose und ersetzt keine psychologische oder medizinische Beratung. Bei Geld-, Gesundheits- oder Beziehungsfragen sollte eine Karte ebenfalls nicht die Grundlage für eine folgenschwere Entscheidung sein. Prüfen Sie konkrete Informationen und besprechen Sie schwierige Entscheidungen mit geeigneten Fachleuten oder betroffenen Personen.
Wenn das Ziehen oder Deuten Angst verstärkt, beenden Sie die Übung. Sie müssen eine unangenehme Karte weder auslegen noch als Vorzeichen behandeln. Ein selbst gewählter Schreibimpuls oder ein Gespräch kann dann besser passen.