Tarotkarten können einen Anlass bieten, über eine Frage oder Entscheidung nachzudenken. Psychologisch betrachtet sagen sie die Zukunft nicht verlässlich voraus. Sie können bemerken, welche Gedanken und Erinnerungen die Kartenbilder bei Ihnen auslösen, andere Sichtweisen prüfen und Ihre Gedanken in Worte fassen.

Tarot ist ein Kartenspiel mit langer Bildtradition, das später auch zum Wahrsagen genutzt wurde. Behandeln Sie die Karten als Impuls und entscheiden Sie selbst, welche Deutung zu Ihrer Situation passt; dafür müssen Sie ihnen keine übernatürliche Kraft zuschreiben.

Wie Tarotkarten zum Wahrsagen kamen

Tarotkarten sind in Europa seit dem 15. Jahrhundert belegt. Frühe Karten dienten als Spielkarten und waren teils kostbar gestaltet. Die Verbindung mit Wahrsagerei und Okkultismus gewann erst später an Bedeutung, besonders im 19. Jahrhundert. Die Bilder und Bedeutungen einzelner Karten änderten sich im Lauf der Zeit.

Deshalb gibt es keine einzige, verbindliche psychologische Bedeutung für jedes Motiv. Eine Karte kann etwa eine Figur, eine Handlung oder eine bestimmte Stimmung zeigen. Was das Bild für Sie bedeutet, hängt auch davon ab, worauf Sie achten und welche Erfahrungen es bei Ihnen wachruft. Das macht die Karte zu einem möglichen Gesprächsimpuls, nicht zu einem psychologischen Test.

Wie Tarotkarten Selbstreflexion anstoßen

Ein Bild kann helfen, eine Frage aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Wenn Sie zum Beispiel eine Karte mit einer Figur an einem Weg ziehen, können Sie sich fragen, welche Wahlmöglichkeiten Sie gerade sehen und welche Sie bisher übergangen haben. Die Karte lenkt Ihre Aufmerksamkeit auf eine Frage, die Sie anschließend selbst prüfen; eine objektive Antwort liefert sie Ihnen nicht.

Kleine Studien, die persönliche Berichte und Interviews auswerteten, beschreiben, wie einige Menschen Tarot zur Selbstreflexion nutzen. In einer Arbeit von 2009 berichteten vier Frauen, die regelmäßig Karten für sich zogen, dass ihnen die Deutung half, Situationen zu betrachten, Handlungen abzuwägen und Ziele zu klären. Eine weitere Untersuchung mit zehn Interviewten beschrieb Tarot-Lesungen als Gespräche, in denen Menschen unter anderem Bestätigung oder neue Einsichten suchten. Diese Erfahrungsberichte zeigen, wie Menschen Karten verwenden. Sie belegen keine allgemeine psychologische Wirkung und keine therapeutische Wirksamkeit.

Eine Lesung kann sich sehr treffend anfühlen. Das persönliche Gespräch, die eigene Deutung und Aussagen, in denen sich viele Menschen wiederfinden, tragen dazu bei, wie passend eine Karte erscheint. Eine ältere kontrollierte Studie prüfte Tarot-Persönlichkeitsdeutungen mit Vergleichstexten. Die Teilnehmenden konnten ihre eigene Deutung nicht verlässlich unter diesen Texten erkennen. Sie untersuchte allerdings keine Vorhersagen über künftige Ereignisse. Die verfügbaren Befunde belegen daher weder verlässliche Vorhersagen noch die Fähigkeit, psychologische Diagnosen zu stellen.

Eine Tarotkarte zur Reflexion nutzen

Wählen Sie eine Frage, auf die mehrere Antworten möglich sind, etwa: „Was beschäftigt mich an dieser Entscheidung?“ Eine Frage wie „Was wird sicher passieren?“ setzt dagegen eine Vorhersage voraus, die eine Karte nicht verlässlich liefern kann.

Ziehen Sie eine Karte und gehen Sie in dieser Reihenfolge vor:

  1. Beschreiben Sie zuerst, was tatsächlich abgebildet ist. Welche Figuren, Handlungen oder Spannungen sehen Sie?
  2. Notieren Sie Ihre erste Reaktion. Was spricht Sie an, was irritiert Sie, und woran erinnert Sie das Bild?
  3. Prüfen Sie eine alternative Deutung. Wie könnte jemand anderes dasselbe Motiv verstehen? Welche Lesart passt nicht zu Ihrer Lage?
  4. Fragen Sie sich zum Schluss, was Sie selbst tun können: Was möchten Sie weiter bedenken, oder welchen kleinen Schritt wollen Sie prüfen?

Sie können Ihre Notizen später mit der ursprünglichen Frage vergleichen. Entscheidend ist, dass Sie eine Deutung begründen und auch verwerfen dürfen. Eine Karte muss nicht zu Ihnen passen, nur weil ein Begleitbuch ihr eine bestimmte Bedeutung zuordnet.

Grenzen von Tarot als Reflexionshilfe

Tarot eignet sich als persönliche Reflexionshilfe oder Gesprächsanlass. Es gibt nur wenige Studien dazu. Die Arbeiten mit Interviews und persönlichen Berichten umfassen kleine Gruppen von gezielt ausgewählten Personen. Sie beantworten nicht, ob Karten besser helfen als ein Tagebuch, ein Gespräch oder eine andere Denkübung. Eine Bachelorarbeit verglich kleine Gruppen und fand Unterschiede zwischen Tarot-Nutzenden und einer Kontrollgruppe. Sie konnte aber nicht zeigen, dass das Kartenlegen diese Unterschiede verursacht hatte.

Nutzen Sie Karten deshalb nicht, um psychische Störungen festzustellen oder eine Behandlung zu ersetzen. Geben Sie wichtige Entscheidungen nicht an eine Vorhersage ab. Bei gesundheitlichen, rechtlichen oder finanziellen Fragen sollten Sie sich an qualifizierte Fachleute wenden. Eine Karte kann eine Überlegung anstoßen. Sie erfasst Ihre Lage nicht vollständig und kann die Folgen Ihrer Entscheidung nicht beurteilen.

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