Beim Meditieren kann eine Tarotkarte als visueller Anker dienen: ein Bild, zu dem Sie zurückkehren, wenn Ihre Gedanken abschweifen. Farben, Figuren und Formen geben Ihrer Betrachtung einen konkreten Ausgangspunkt und können Fragen für ein Tagebuch anstoßen.
Es gibt keine Belege dafür, dass Tarotkarten besondere Wirkungen haben oder verlässliche Vorhersagen ermöglichen. Nutzen Sie die Karte für persönliche Meditation und Selbstreflexion und entscheiden Sie selbst, welche Bedeutung Sie dem Bild geben.
Die Karte als Anker
Legen Sie eine Karte so vor sich, dass Sie das Bild bequem sehen. Betrachten Sie es zunächst als Ganzes und richten Sie Ihre Aufmerksamkeit anschließend auf Einzelheiten: eine Farbe, eine Figur oder ein Gegenstand im Bild. Wenn Sie bemerken, dass Ihre Gedanken abschweifen, nehmen Sie das kurz wahr und schauen Sie wieder auf die Karte.
Bei dieser Übung richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf das Tarotbild und kehren zu ihm zurück, wenn Sie abgelenkt sind. Das ist ein allgemeines Prinzip fokussierter Aufmerksamkeit: Man konzentriert sich auf einen Gegenstand oder eine Wahrnehmung und lenkt die Aufmerksamkeit nach einer Ablenkung wieder dorthin. Ein Überblick von Lutz und Kollegen beschreibt auch einen äußeren visuellen Punkt als möglichen Fokus. Das beschreibt die Übungsform allgemein, belegt aber keine besondere Wirkung von Tarotkarten.
Tarotkarte bewusst betrachten
Nehmen Sie eine Karte, die Sie bereits kennen, oder wählen Sie eine zufällig aus. Sie müssen ihre überlieferte Bedeutung nicht sofort nachschlagen. Beginnen Sie mit dem, was tatsächlich auf dem Bild zu sehen ist: Welche Farben fallen Ihnen auf? Wohin blicken die Figuren? Welche Einzelheit haben Sie zuerst bemerkt?
Bleiben Sie bei Ihren eigenen Beobachtungen, statt sofort nach einer verborgenen Botschaft zu suchen. Wenn Sie eine Deutung aus einem Tarotbuch kennen, können Sie sie später mit Ihren Eindrücken vergleichen. So können Sie unterscheiden, welche Gedanken beim Betrachten des Bildes entstanden sind und welche aus einer vorgegebenen Erklärung stammen.
Gedanken zur Tarotkarte notieren
Nach der Betrachtung können Sie Ihre Gedanken notieren. Beschreiben Sie zuerst das Bild und Ihre unmittelbaren Reaktionen. Fragen Sie dann, ob eine Einzelheit Sie an ein aktuelles Anliegen erinnert oder eine neue Frage aufwirft. Zum Beispiel: „Was beschäftigt mich gerade?“ oder „Welche Handlungsmöglichkeit möchte ich prüfen?“
In ihrer Masterarbeit aus dem Jahr 2009 untersuchte Gigi Hofer, wie vier regelmäßige Tarot-Nutzerinnen die Karten zur Selbstreflexion einsetzten. Die Befragten beschrieben, dass sie damit über aktuelle Situationen und mögliche Schritte nachdachten. Die kleine qualitative Studie zeigt, wie einzelne Menschen Tarot nutzen; sie belegt nicht, dass Karten allgemein Klarheit schaffen oder bessere Entscheidungen ermöglichen.
Sehen Sie Ihre Notizen deshalb als eigene Gedanken und Fragen. Die Karte kann Ihnen einen Anlass zum Schreiben geben, doch die Entscheidung bleibt bei Ihnen. Wenn eine Deutung nicht zu Ihrer Situation passt, müssen Sie sie nicht übernehmen.
Eine kurze Kartenübung
Für eine einfache Übung reichen eine Karte, ein ruhiger Platz und ein Blatt Papier. Sie können so vorgehen:
- Wählen Sie eine Karte und legen Sie sie in angenehmer Sichtweite ab.
- Nehmen Sie den Kontakt Ihrer Füße zum Boden oder Ihren Atem wahr.
- Betrachten Sie das Bild erst als Ganzes, dann einzelne Farben und Formen. Kehren Sie freundlich zum Bild zurück, wenn Sie abschweifen.
- Notieren Sie, was Ihnen aufgefallen ist und welche Gedanken dabei aufgetaucht sind.
- Schließen Sie mit einer offenen Frage zu Ihrem aktuellen Anliegen. Halten Sie Ihre Antwort als persönliche Überlegung fest, nicht als Anweisung der Karte.
Sie können die Übung jederzeit beenden. Wenn beim Betrachten unangenehme oder überwältigende Gefühle aufkommen, wenden Sie den Blick ab und richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf den Raum oder den Boden unter Ihren Füßen.
Was Studien zu Tarot und Meditation zeigen
Es gibt keinen direkten Nachweis dafür, dass die Kombination aus Tarotkarte und Meditation wirkt. Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2022 untersuchte Studien, die mithilfe bildgebender Verfahren Vorgänge im Gehirn bei fokussierter Aufmerksamkeit betrachteten. Sie befasste sich mit Vorgängen während der Meditation, nicht mit Tarotkarten oder ihrem Nutzen im Alltag.
Meditation wirkt nicht bei allen Menschen gleich. Das US-amerikanische National Center for Complementary and Integrative Health weist darauf hin, dass sich die untersuchten Praktiken und die Qualität der Studien unterscheiden. In einer dort besprochenen Übersicht berichteten 55 von 83 Studien über negative Erfahrungen; die geschätzte Häufigkeit lag bei etwa acht Prozent. Die Zahlen gelten für Meditation allgemein; zur kurzen Übung mit einer Tarotkarte erlauben sie keine spezifische Aussage.
Spirituelle Deutungen können für einzelne Menschen bedeutsam sein. Eine persönliche Erfahrung zeigt jedoch nicht, dass die Karte Ereignisse vorhersagt oder Beschwerden behandelt. Meditation mit Karten ersetzt keine medizinische Versorgung oder professionelle psychologische Hilfe.